Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium:
Pallas Athene steht wieder auf ihrem Sockel

In der Nacht zum 20. März 2003, als die USA ihren länger angekündigten Angriff gegen das Regime Saddam Husseins im Irak starteten, rissen unbekannte Aktivisten am Eingang des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums (WDG) die Statue der antiken Göttin Athene von ihrem Sockel. Die anonymen Täter sahen in der Gestalt mit Helm und Speer wohl eine "Kriegsgöttin".


Brekers Bronze-Skulptur der Göttin Athene (1957)

Die Plastik ist ein Werk des Elberfelder Künstlers Arno Breker (1900-1991). Nach einer Ausbildung als Steinbildhauer bei seinem Vater studierte Breker Bildhauerei und Architektur an der Akademie in Düsseldorf und lebte einige Jahre in Paris. 1934 kehrte er nach Deutschland zurück und bekam bald Staatsaufträge des NS-Regimes. 1937 erhielt Breker eine Professur an der Hochschule der bildenden Künste in Berlin, die er bis 1945 bekleidete. Wegen seiner Monumentalskulpturen und Bildnisse im Stile eines historisierenden Neoklassizismus zur Verherrlichung der NS-Herrschaft wurde Breker nach dem Zweiten Weltkrieg scharf kritisiert. Ebenso erging es dem Bildhauer Josef Thorak (1889-1952). Später nahm Breker seine Tätigkeit als Bildhauer wieder auf.

Am 3. Mai 1957 wurde Brekers überlebensgroße, sehr schlanke Bronzestatue der Athene neben dem Schultor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums aufgestellt. Anlässlich einer Gedenkfeier zum 25. Todestag des Archäologen und Namenspatrons und zugleich zur Übernahme des Standbildes fand, mangels eigener Aula, am selben Abend eine Feierstunde im Festssaal des Elberfelder Rathauses statt, an der auch Arno Breker teilnahm.

Zehn Jahre später wurde eine stilistisch ähnliche Bronzefigur, eine Friedensgöttin mit ausgebreiteten Armen und Palmzweig in der rechten Hand, auf einer Grabstätte des Varresbecker Friedhofs aufgestellt. Auch diese Plastik weist ein langes, streng kanneliertes Gewand wie die "Pallas Athene" auf, das an einen ionischen Säulenschaft erinnert. - Bereits 1932 hatte Breker ein Heinrich-Heine-Denkmal für einen Wettbewerb der Stadt Düsseldorf entworfen und einen Preis erhalten. Ausgeführt und aufgestellt wurde dieses Bronzedenkmal aber erst 1983 - auf der Insel Norderney. Alle drei genannten Plastiken haben nichts mit Brekers Heldengestalten gemein, die bei Hitler und anderen NS-Größen so beliebt waren.

Künstler mit NS-
Verstrickung

Nach dem "Umsturz" im Frühjahr 2003 setzte eine längere Beratungsphase im WDG ein, wie man mit der "Pallas Athene" umgehen solle, deren Künstler durch seine Verstrickungen in das Dritte Reich nicht unumstritten ist. Knapp ein Jahr nach der "Bilderstürmerei" fand in der Schule ein internes Forum statt, zu dem Schüler, Eltern, Lehrer und ehemalige Schüler eingeladen wurden. In diesem Kreis und in der einige Tage später einberaumten Schulkonferenz beschloss man nach eingehender Diskussion einstimmig, die Statue wieder aufzustellen, aber zusätzlich eine Erläuterungstafel am Sockel anzubringen. Ein paar Wochen vor der Wiedererrichtung äußerten zwei Barmer Bürger in einem Brief an die örtliche Presse das bizarre Begehren, Brekers Bronzefigur einzuschmelzen und "aus der Bronze eine gute, vernünftige Plastik zu machen" (WZ vom 25.2.05).

Erbe der Antike

Am Nachmittag des 8. April 2005 wurde die Pallas Athene nach Schulschluss, ohne jegliches Zeremoniell, wieder auf ihren Sockel gehievt. Damit wurde äußerlich der Zustand vor dem "Umsturz" wiederhergestellt. Auf der neben dem Sockel platzierten Schrifttafel nimmt aber die Schule klar Stellung. Dort werden zum einen die wichtigsten Daten des Kunstwerks und Zeitdokuments angeführt, zum anderen nennt die Schulgemeinde ihre Leitgedanken hierzu. Darin heißt es u.a.: "Wir distanzieren uns von Brekers Rolle als führendem Bildhauer im NS-Staat. Wir lehnen Bilderstürmerei als Mittel geistiger und politischer Auseinandersetzung ab." Und weiter: "Wir verstehen die Darstellung der Athene als Symbol für das zeitübergreifende geistige Erbe der Antike, nicht für die zeitgebundene Wehrhaftigkeit der Stadtgöttin Athens.

(...) Wir erkennen in dem Kunstwerk auch ein Zeitdokument, das Schule und Öffentlichkeit zum Nachdenken über das Verhältnis von Kunst, Moral und Politik auffordert."